POSTKOLIANISMUS UND SELBSTENTKOLONIALISIERUNG

„Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines anderen Staats gewalttätig einmischen“, schrieb Immanuel Kant. „Er plädiert bereits für die politische Gewaltenteilung, für das rechtsförmige Zusammenleben der Staaten und für eine weltumspannende Friedensgemeinschaft im Rahmen eines Völkerbundes“

Spanier und Portugiesen haben in Südamerika ganze Völker ausgerottet, kein Mensch redet mehr drüber. Frankreich, England und Belgien und selbst das kleine Holland haben in ihren Kolonien fürchterlich gewütet, das wird totgeschwiegen. Deutschland hat 1904-1907 85 Tausend Herero und 10 Tausend Nama massakriert, es gab weder ein Begräbnis noch ein Grab. Diesen Teil der Geschichte kennt niemand.

In Europa kann man von postkolonialen Strukturen sprechen, denn es gibt weder diese kolonialen Strukturen noch Zeugnisse davon in den sozialen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Strukturen der Gesellschaft. Ihre gegenwärtigen politischen Strukturen entsprechen den neoliberalen oder neokapitalistischen Modellen.

In Afrika, Asien und Südamerika hat sich das koloniale Erbe noch erhalten. In den Köpfen vieler Leute geht die Kolonialgeschichte weiter, Abstammung und Hautfarbe spielen noch eine entscheidende Rolle beim Angebot von Stellen und in den Leitungs- und Führungspositionen, sogar bei der Auswahl von Freunden und Freundschaften. Viele der direkten Abkömmlinge der Kolonialherren befinden sich bis heute in den obersten Schichten der Regierungen und gehören zu den wohlhabenden und vermögenden Familien dieser Kontinente. Für gewöhnlich studieren ihre Nachfahren in Europa und den USA oder befinden sich dort zur Ausbildung, sie deponieren ihr Geld auf schweizerischen deutschen, und englischen Banken. Sie bauen ihre Besitztümer und ihre Villen an den Küsten Nordamerikas und des Mittelmeeres und sie kaufen in den besten Läden von Mailand, Paris, Düsseldorf, New York und Manila ein. Sogar auf politischer Ebene sind es diese sozialen und wirtschaftlichen Gruppen, die den politischen Veränderungen dieser Länder ideologischen Widerstand entgegensetzen und sie finanziell boykottieren. Klares Beispiel sind dafür Ecuador, Bolivien, Venezuela, Brasilien, Chile, Argentinien, usw.. Diese Finanzgruppen sind bereit, sich auf die Seite der ehemaligen Kolonialherren zu stellen und mit ihnen zusammenzuarbeiten, wenn diese in das Land eindringen oder sich in die inneren Angelegenheiten der Länder einmischen.

In Afrika, Asien und Südamerika benutzt man Worte wie postkolonial, Entkolonialisierung oder Neokolonialismus nicht, sondern sie sind enthalten in Begriffen wie Kolonialisierung, Einmischung, Invasion, Selbstentkoloniasierung, Autonomie, Selbstentscheidung und Selbstbestimmung.

KOLONIALISIERUNG und ENTKOLONIALISIERUNG, jahrhundertelang erlebten die Völker des afrikanischen, des amerikanischen und des asiatischen Kontinents den Schrecken, die Gewalt und den Völkermord nach der europäischen Invasion und Kolonialisierung. Diese Völker wurden in der Vergangenheit erobert, zivilisiert, kolonialisiert. Man erinnert sich an lebendige Beispiele der Standhaftigkeit, Beharrlichkeit, Aufsässigkeit und Zukunft wie: Tupaq Katari, Lef-traru, Daquilema, Ruminahui, Jerónimo, Tecumseh, Guaicaipuro, Cuauhtémoc, Domitila Chungara, Malinche, Jacinto Canek, Hatuey, Patricio Lumumba, Nelson Mandela, Desmond Tutu, Ghandi, Martin Luther King, Jawaharlal Nehru, Alexander Uljanow. Alle wurden gefoltert, in Gefangenschaft gehalten, verbrannt, gevierteilt, gehenkt, vertrieben; heute ruhen sie in ihrem eigenem geistigen und revolutionären Himmel; ohne goldene Götter. Ihre Kinder entwickeln sich, entkolonialisieren sich selbst, entdecken sich, erschaffen, regieren und definieren sich selbst, sie zerbrechen die unwürdigen Ketten der Unterdrücker und leben eine alte/neue Identität, die vorher abgeschnitten und vergewaltigt worden war und jetzt Symbol der Stärke, der Würde und einer besseren Zukunft ist.

Gegenwärtig hat die Epoche der Auflösung der kolonialen und postkolonialen Konzepte und Definitionen begonnen, der Veränderung der Perspektive, des Wechsels der Paradigmen oder der Entwertung der klassischen Modelle. Man akzeptiert die Verschiedenheit nicht als absolut oder definitiv, sondern als Konsens oder Ergebnis eines Dialogs oder einer kollektiven Debatte. Man akzeptiert die Verschiedenheit oder die Besonderheiten nicht als Synonym der Individualisierung oder des persönlichen Egoismus, sondern als Ergänzung oder Gemeinschaft im Kampf zur Erlangung gemeinsamer Absichten oder Ziele.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts besinnen sich jahrtausendalte Nationen auf die Aktualität, ihre Philosophie des “Lebens in Verantwortung” und im “Dialog mit der Natur” wird zum Bekenntnis der Verfassungen von Ecuador und Bolivien. Die Protagonisten der Veränderungen der Ideen und Perspektiven sind jedoch nicht notwendigerweise die Ureinwohner, sondern die selbst ernannten Patrioten oder Propheten einer neuen Ära oder die Versteher der Situation ihres Volkes oder Landes.

Die Kolonialherren in Asien, Afrika und Amerika änderten die Namen von Flüssen, Bergen, Pflanzen, Tieren, und lehrten die korrekte Aussprache unserer Kontinente, Amerika statt Abya Yala; Afrika statt Afar; Everest statt Sagarmatha oder Qomolangma; Victoria-Fälle statt Mosi-oa-Tunya. Sie präsentierten und verkauften Götter, Propheten, Philosophen, Professoren, Doktoren. Man brachte humane Elemente als Träger der Philosophie, Ideologien, die geeignet/tauglich für unser Volk waren. EIN FEHLER.

Die eurozentristischen Konzepte und die Unterwürfigkeit gegenüber dem Fremden führten diese Kontinente zu Rückstand, Obskurantismus, Unwissenheit und zum unwürdigen Hass auf Ihresgleichen oder auf ihre Brüder. Sie entfernten sie voller Absicht von ihrer Wurzel, ihrer Herkunft und ihrem Lebensraum. Schließlich ließ man sie allein und benutzte sie ständig, ohne Würde und ohne Verantwortung. Die Europäer und Royalisten machten die Kontinente, die bis heute Dritte Welt genannt werden, zu einer hässlichen Braut, die man nur ausführt, wenn es zweckmäßig, notwendig oder Nacht ist.

Die Jugendlichen des 21. Jahrhunderts und die Bewohner der Welt seit dem Ende des 20. Jahrhunderts haben keine Angst, über ihre Ursprünge zu sprechen, sie zu filmen und darzustellen, sich so zu kleiden, zu tanzen und zu singen. Vergessene kulturelle und soziale Bekundungen bereichern und stärken die Gemeinschaft und die soziokulturelle Zukunft der Gesellschaften. In der Vergangenheit verkaufte man die Theorie: lokal sei ein Synonym für Rückschritt, eine Schande, ein Nachteil, eine Bremse für den Fortschritt.

Die europäischen Regierungen weigern sich nicht nur, Reparationen für ihre Verbrechen zu zahlen und um Entschuldigung für einen der größten Morde der Geschichte zu bitten; in ihren Geschichtsbüchern werden diese Tatsachen verschwiegen und in den Medien werden diese historischen Vorgänge geheim gehalten. Die grausame Brutalität der Kolonialherren, ein tragisches Kapitel der Geschichte, kann weder vergessen noch als vergangen angesehen werden, die Politiker erpressen uns mit der Vergangenheit, sie projizieren ihre Schuld und Verantwortung auf die Generationen, die nichts mit diesem Abschnitt der Geschichte zu tun haben.

 

Die Völkermorde und die kollektiven Tötungen seit der Kolonialzeit wurden aus dem kollektiven Gedächtnis Europas gelöscht, man behandelt sie weder kritisch im Lehrplan der Schulen, noch werden sie von den Massenmedien den Menschen vermittelt.

Viele Politiker und heutige Intellektuelle versuchen, Kolonialismus, Feudalismus, Postkolonialismus und Rassismus aus ihren Köpfen, ihren Körpern und ihrer Lebensart zu schütteln. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass Veränderungen nicht nur Worte sind, sondern Prozesse, die langsam voranschreiten, in dem Maße, wie sie geteilt und in der Gemeinschaft gelebt werden, die erprobt werden durch Aktionen, Glaubensvorstellungen und gerechte Modelle des Verbrauchs, der Erinnerung und des Denkens.

Die Armut in Afrika, Asien und Lateinamerika und das Migrationsproblem bekämpft oder regelt man nicht, in dem man Mauern, Drahtzäune oder Wälle baut. Die Armut ist ein globales Problem, ein Problem der ganzen Menschheit. Sie ist eine Folgeerscheinung der brutalen Einmischung der Kolonialmächte in der Vergangenheit und des gegenwärtigen unkontrollierten Entwicklungsmodells der Industrieländer. Wir müssen auf globaler Ebene Verantwortung übernehmen, die besser oder zu gut leben, müssen einen Teil ihres Wohlstandes abgeben und ihre Komfortzone verlassen. Es ist die Zeit, um besser zu leben, aber mit Bewusstsein und Verantwortung, unter der Voraussetzung eines gesunden und kontrollierten Verbrauches, um so Raum zu schaffen für die Großzügigkeit und Solidarität als Zeichen der Gerechtigkeit und des Erfolges.

Walter Trujillo Moreno, Berlin, Februar 2015

Übersetzung: Jürgen Mirtschink, Februar 2015